Wie bereitet man sich richtig auf eine Mathe-Arbeit vor?
21. September 2026 · 8 Min. Lesezeit
Die nächste Mathe-Arbeit steht an, und der Abend davor läuft oft gleich ab: Das Kind blättert das Heft durch, überfliegt ein paar Beispiele und sagt „passt, kann ich“. Am nächsten Tag kommt dann trotzdem die Ernüchterung. Woran liegt das, und wie bereitet man sich stattdessen so vor, dass es sich auszahlt?
Die gute Nachricht vorweg: Wie dein Kind lernt, entscheidet mehr als wie lange. Mit ein paar Prinzipien, die gut erforscht sind, wird aus derselben Zeit ein deutlich besseres Ergebnis. Wir zeigen, was wirklich hilft, und packen es am Ende in einen konkreten Plan.
Der häufigste Fehler: einfach nur durchlesen
Die meisten Kinder „lernen“ für Mathe, indem sie das Heft und gelöste Beispiele durchlesen. Das fühlt sich produktiv an, weil alles vertraut wirkt. Genau darin liegt aber die Falle: Etwas wiederzuerkennen ist nicht dasselbe, wie es selbst zu können. Wiederholtes Durchlesen gehört zu den am wenigsten wirksamen Lernmethoden überhaupt (Dunlosky u. a., 2013).
Wie tückisch das ist, habe ich als Tutor an der Uni immer wieder erlebt. Ich habe dort Mathe für angehende Ökonomen unterrichtet, und in den Übungen gab es regelmäßig Studierende, die nie selbst rechneten, sondern nur genau verfolgten, was ich an der Tafel machte. Genauso lernten sie für die Klausur: zuschauen, zuhören, nicken, „hab ich verstanden, das kriege ich hin“. In der Klausur saßen viele von ihnen dann fest und bekamen schlechte Noten, manche fielen durch. Nicht, weil sie zu dumm gewesen wären, sondern weil sie den entscheidenden Teil nie geübt hatten: selbst rechnen.
Denn genau darum geht es beim Rechnen. Zum Lernen gehört, Fehler zu machen: einen Rechenweg zu gehen, zu merken „so funktioniert das nicht“, und beim nächsten Mal genau an dieser Stelle richtig abzubiegen. Wer sich in der Vorbereitung einmal durch die typischen Fehler durchgearbeitet hat, erkennt sie in der Arbeit sofort wieder und weiß, wie er wieder herauskommt. Wer nur zugeschaut hat, trifft dieselben Stolpersteine zum ersten Mal, ausgerechnet unter Zeitdruck.
Für dein Kind gilt dasselbe: Eine Erklärung zu verstehen ist etwas anderes, als eine Aufgabe von Grund auf selbst zu rechnen. Erst das eigene Rechnen, mit allen Umwegen und Fehlern, macht den Stoff klausurfest.
Was wirklich hilft: sich selbst abfragen
Das mit Abstand stärkste Prinzip lautet: aktiv abrufen statt passiv wiederlesen. Wer sich selbst testet, statt den Stoff noch einmal anzuschauen, behält ihn nachweislich viel besser, und dieser Effekt zeigt sich gerade im Langzeitgedächtnis, also genau da, wo es für die Arbeit zählt (Roediger und Karpicke, 2006). Sich selbst abzufragen gilt in der Forschung als eine der wirksamsten Lernmethoden (Dunlosky u. a., 2013).
Für Mathe heißt das ganz konkret: Nicht die Lösung anschauen und nicken, sondern die Aufgabe zuerst selbst rechnen, mit zugedeckter Lösung. Erst danach vergleichen. Und alles, was schiefging, wird nicht nur angeschaut, sondern noch einmal frisch gerechnet, am besten mit leicht veränderten Zahlen. So greifst du genau den Fehler auf, der passiert ist, und übst ihn neu, bis er nicht wieder auftaucht, statt nur den korrigierten Rechenweg abzuschreiben.
Früh anfangen statt in letzter Minute
Am Vorabend alles auf einmal zu pauken ist die schlechteste Variante. Besser ist, ein bis zwei Wochen vorher zu beginnen und in kurzen Einheiten über mehrere Tage zu üben. Der Grund: Über mehrere Tage verteilt bleibt derselbe Stoff deutlich besser hängen. In einer Mathe-Studie behielt die verteilt übende Gruppe vier Wochen später sogar doppelt so viel wie die, die alles in einer Sitzung gemacht hatte (Rohrer und Taylor, 2006). Der Abend vor der Arbeit ist dann nur noch für eine kurze, ruhige Wiederholung da.
Der Vorbereitungsplan in fünf Schritten
- Themen sammeln: Klärt zuerst, was drankommt. Ein Blick ins Heft, in die Ankündigung der Lehrkraft oder die letzten Aufgaben zeigt die Themen, um die es geht.
- Selbst-Check machen: Lass dein Kind pro Thema eine Aufgabe ohne Hilfe rechnen. Das zeigt in wenigen Minuten, was schon sitzt und wo es noch hakt.
- Gezielt die Wackelthemen üben: Konzentriert euch auf das, was im Selbst-Check schwer war, mit frischen Aufgaben und zugedeckter Lösung. Die sicheren Themen brauchen nur wenig.
- Fehler neu rechnen, nicht nur ansehen: Jede falsche Aufgabe wird noch einmal von vorn gelöst, bis sie ohne Hilfe klappt. Das ist der wichtigste Schritt.
- Kurz vorher locker bleiben: Am Vorabend nur noch leicht wiederholen, keinen neuen Stoff, und früh ins Bett. Ausgeschlafen bringt mehr als eine weitere Stunde Üben.
Und wenn dein Kind nervös ist?
Prüfungsangst ist kein Zeichen von Schwäche, sondern verbreitet und real. Sie belegt das Arbeitsgedächtnis und kann dazu führen, dass ein Kind in der Arbeit weniger abrufen kann, als es eigentlich könnte (Ashcraft, 2002). Das beste Gegenmittel ist eine gute Vorbereitung selbst, denn das Gefühl „ich hab das geübt und kann es“ nimmt der Nervosität den größten Teil ihrer Kraft. Setz dein Kind vorher nicht zusätzlich unter Druck, ein ruhiges „du hast geübt, das reicht“ hilft mehr. Wenn die Angst aber tiefer sitzt und trotz guter Vorbereitung und ruhiger Worte bleibt, findet ihr konkrete Hilfe in unserem Beitrag zur Mathe-Angst.
Kurz zusammengefasst
- Wie dein Kind lernt, zählt mehr als wie lange. Nur durchlesen fühlt sich gut an, bringt aber wenig.
- Der stärkste Hebel ist, sich selbst abzufragen: Aufgaben mit zugedeckter Lösung selbst rechnen und die falschen neu lösen.
- Früh anfangen und verteilt über mehrere Tage üben schlägt das Pauken am Vorabend deutlich.
- Gute Vorbereitung ist zugleich das beste Mittel gegen Prüfungsangst.
Eine Mathe-Arbeit lässt sich nicht herbeizaubern, aber sehr wohl gezielt vorbereiten. Wenn dein Kind früh anfängt, sich selbst abfragt und seine Fehler noch einmal neu rechnet, geht es mit einem echten „ich kann das“ in die Arbeit, und genau das ist die halbe Miete.
Quellen
- Roediger und Karpicke (2006): Test-Enhanced Learning. Taking Memory Tests Improves Long-Term Retention. doi.org
- Dunlosky u. a. (2013): Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques. doi.org
- Rohrer und Taylor (2006): The Effects of Overlearning and Distributed Practise on the Retention of Mathematics Knowledge. doi.org
- Ashcraft (2002): Math Anxiety. Personal, Educational, and Cognitive Consequences. doi.org
Häufige Fragen
Der wirksamste Hebel ist, sich selbst abzufragen statt nur den Stoff durchzulesen. In Mathe heißt das: Aufgaben von Grund auf selbst rechnen, die Lösung erst danach ansehen und die falschen noch einmal neu lösen. Sich aktiv abzufragen bringt für das langfristige Behalten deutlich mehr als wiederholtes Durchlesen (Roediger und Karpicke, 2006; Dunlosky u. a., 2013). Wichtig ist außerdem, früh anzufangen und über mehrere Tage verteilt kurz zu üben, statt am Vorabend alles auf einmal zu pauken.
Am besten rund ein bis zwei Wochen vorher, dafür in kurzen Einheiten über mehrere Tage verteilt. Das ist wirksamer als ein langer Block kurz vor der Arbeit, weil verteiltes Üben den Stoff nachweislich besser verankert (Rohrer und Taylor, 2006). Der Vorabend ist dann nur noch für eine kurze, ruhige Wiederholung da, nicht für neuen Stoff, und ausreichend Schlaf bringt am Ende mehr als eine weitere Stunde Pauken.

Über den Autor
Thomas Krebs
Mitgründer von Mathopia
Thomas hat sieben Semester lang Mathe für Ökonomen unterrichtet und dabei Tausenden Studierenden durch ihre Klausuren geholfen. Immer wieder hat er erlebt, wie Studierende mit großen Lücken zu ihm kamen, überzeugt, die Klausur nicht bestehen zu können. Mit einer ehrlichen Diagnose und konkreten nächsten Schritten verschaffte er ihnen erste Erfolgserlebnisse, wodurch sie sich Mathe wieder zutrauten und ihre Prüfungen bestanden. Heute macht er mit Mathopia diese Erfahrung allen Schülerinnen und Schülern zugänglich.