Was tun gegen Mathe-Angst?
3. August 2026 · 9 Min. Lesezeit
Es ist Sonntagabend, morgen wird die Mathearbeit geschrieben, und dein Kind sitzt mit Bauchschmerzen am Schreibtisch. Zu Hause hat vieles geklappt, trotzdem kommt mit Tränen in den Augen der Satz: „Ich kann das einfach nicht.“ Und am nächsten Tag passiert genau das, wovor alle Angst hatten: ein Blackout, obwohl der Stoff eigentlich saß.
Kennst du diese Szene? Dann vorweg das Wichtigste: Mathe-Angst ist kein Zeichen von fehlender Begabung, sondern eine erlernte Stressreaktion. Und was erlernt ist, lässt sich auch wieder verlernen. In diesem Artikel schauen wir zuerst, was bei Mathe-Angst im Kind wirklich passiert, und danach zeige ich dir einen klaren Weg, mit dem ihr die Angst Stück für Stück abbaut.
Was Mathe-Angst mit deinem Kind macht
Mathe-Angst ist eine ausgeprägte Anspannung, die schon beim Gedanken an Mathematik entsteht, vor einer Arbeit, bei den Hausaufgaben oder sogar im Unterricht. Und diese Anspannung ist keine Einbildung. Bei Menschen mit starker Mathe-Angst springen schon in der Erwartung, gleich rechnen zu müssen, dieselben Hirnregionen an, die auch bei körperlichem Schmerz aktiv werden (Lyons und Beilock, 2012). Nicht das Rechnen selbst tut weh, sondern die Angst davor. Wenn dein Kind Mathe meidet, ist das also kein Theater, sondern der nachvollziehbare Versuch, einem echten unangenehmen Gefühl auszuweichen.
Entscheidend ist, was diese Anspannung im Kopf anrichtet. Zum Rechnen braucht man das Arbeitsgedächtnis, den kleinen mentalen Notizblock, auf dem man Zwischenschritte festhält. Angst belegt genau diesen Notizblock mit Sorgen und Grübeln, sodass für die Aufgabe kaum noch Platz bleibt. In Untersuchungen sackt die Leistung mathe-ängstlicher Schülerinnen und Schüler deshalb vor allem bei den anspruchsvolleren Aufgaben ab, die mehrere Schritte im Kopf verlangen (Ashcraft und Kirk, 2001). Das erklärt den Blackout: Dein Kind kann in dem Moment nicht abrufen, was es zu Hause eigentlich beherrscht hat.
Damit sind zwei Dinge klar. Erstens ist dein Kind alles andere als allein: In der internationalen PISA-Studie berichtete rund ein Drittel der Jugendlichen von Anspannung oder Hilflosigkeit beim Lösen von Matheaufgaben (Foley u. a., 2017). Zweitens misst eine schlechte Note in diesem Zustand nicht die Fähigkeit, sondern die Angst. Genau deshalb gerät die Sache leicht in eine Abwärtsspirale, in der Angst und schlechte Noten sich gegenseitig verstärken, und aus einem verpatzten Test das pauschale Gefühl „Ich kann kein Mathe“ wird. Die gute Nachricht ist: Dieselbe Spirale lässt sich umdrehen. Wer den Druck herausnimmt, die eigentliche Lücke schließt und wieder Erfolgserlebnisse schafft, nimmt der Angst nach und nach ihren Grund. Wie das geht, zeigen die nächsten sechs Schritte.
Was du jetzt tun kannst
1. Prüfe zuerst deine eigene Haltung zu Mathe
Kinder lesen unsere Haltung genauer, als uns bewusst ist, und bei Mathe besonders. In einer viel beachteten Studie lernten Kinder von mathe-ängstlichen Eltern über ein Schuljahr weniger dazu und wurden selbst ängstlicher, allerdings nur dann, wenn diese Eltern regelmäßig bei den Mathe-Hausaufgaben halfen (Maloney u. a., 2015). Nicht die eigene Abneigung an sich ist also das Problem, sondern dass sie sich in genau den Momenten überträgt, in denen es angespannt wird.
So setzt du es praktisch um: Sprich über Mathe ruhig und neutral und verkneif dir Sätze wie „Ich war auch nie gut in Mathe“, so entlastend sie im Moment wirken. Und wenn du selbst unsicher in Mathe bist und das gemeinsame Üben regelmäßig in Frust kippt, dann zwing dich nicht in die Rolle der Nachhilfe. Überlass das Erklären der schwierigen Themen lieber jemandem oder etwas Ruhigerem, zum Beispiel der anderen Bezugsperson, einer geduldigen Nachhilfe, guten Erklärvideos oder einem Lernprogramm, das dein Kind in seinem Tempo durch den Stoff führt. Du selbst bleibst dann die ermutigende Stimme im Hintergrund, denn deine Gelassenheit überträgt sich genauso wie deine Anspannung.
2. Trenne die Angst von der Fähigkeit und benenne sie
Solange dein Kind den Blackout als Beweis liest, „zu dumm“ für Mathe zu sein, sitzt die Angst fest. Dabei ist das Gegenteil richtig: Nicht fehlendes Können erzeugt die Angst, sondern die Angst verdeckt das Können. Dieses Wissen zu teilen, nimmt enormen Druck, weil es die Erklärung vom Kind weg und auf einen normalen, lösbaren Mechanismus lenkt.
So setzt du es praktisch um: Erklär deinem Kind in einfachen Worten, was wirklich passiert: „Wenn du aufgeregt bist, ist dein Kopf so voll mit der Aufregung, dass für die Aufgabe kein Platz bleibt. Das heißt nicht, dass du es nicht kannst, sondern nur, dass wir die Aufregung kleiner machen müssen.“ Trenne im Alltag konsequent die Sache von der Person: „Diese Aufgabe klappt noch nicht“ statt „Du kannst kein Mathe“. Wie aus dem einen wieder das andere wird, haben wir ausführlich in „Wie aus ‚Ich kann kein Mathe‘ ein ‚Ich kann Mathe‘ wird“ beschrieben.
3. Schließe die echte Lücke, auf der die Angst sitzt
Weil Mathe streng aufeinander aufbaut, sitzt die Angst fast immer auf einem ganz konkreten, irgendwann nicht verstandenen Thema. Solange diese Lücke offen ist, produziert sie neue Misserfolge, und jeder davon verankert die Angst tiefer. Der wirksamste Hebel gegen die Angst ist deshalb nicht gutes Zureden, sondern wachsende Sicherheit: Je kompetenter ein Kind sich fühlt, desto kleiner wird die Angst, und die vielversprechendsten Ansätze setzen genau hier an (Ramirez, Shaw und Maloney, 2018).
So setzt du es praktisch um: Finde heraus, wo es zuletzt klick gemacht hat und wo nicht. Ein guter Ausgangspunkt ist die letzte korrigierte Arbeit oder die Frage, ab welchem Thema es „komisch“ wurde. Nimm dann dieses eine Thema vor, nicht fünf auf einmal, und geht es von der einfachsten Form her noch einmal langsam durch, bis es sitzt. Ein geschlossenes Fundament nimmt der Angst den Boden.
4. Schaffe kleine, regelmäßige Erfolgserlebnisse
Angst wächst durch Vermeidung und schrumpft durch gute Erfahrungen. Jedes Mal, wenn dein Kind Mathe meidet, bestätigt sich das ungute Gefühl. Und jedes Mal, wenn es eine Aufgabe tatsächlich löst, bekommt es einen kleinen Gegenbeweis. Viele solcher Gegenbeweise sind stärker als jedes Argument. Deshalb zählt nicht der eine große Lernabend, sondern die kurze, regelmäßige Wiederholung, bei der Erfolg wahrscheinlich ist.
So setzt du es praktisch um: Beginne jede Einheit mit etwas, das dein Kind sicher lösen kann, damit es mit einem Erfolg statt mit Frust startet. Halte die Einheiten kurz, lieber an fünf Tagen zehn Minuten als einmal eine Stunde, und lobe den Einsatz und den Weg („Du bist drangeblieben“) statt nur das Ergebnis. Behandle Fehler dabei ausdrücklich als normalen Teil des Lernens, nicht als Rückschlag.
5. Gib der Angst kurz vor der Arbeit ein Ventil
Auch wenn der Stoff sitzt, kann die Anspannung am Prüfungstag den Zugriff blockieren. Dagegen gibt es einen erstaunlich einfachen und gut belegten Trick. In einer Studie schrieben Schülerinnen und Schüler etwa zehn Minuten vor der Prüfung kurz auf, was sie an der bevorstehenden Arbeit beunruhigt. Allein das verbesserte die Ergebnisse messbar, am deutlichsten bei den besonders ängstlichen (Ramirez und Beilock, 2011). Die Erklärung passt genau zum Mechanismus von oben: Wer die Sorgen aufs Papier bringt, räumt seinen mentalen Notizblock frei, sodass wieder Platz zum Rechnen ist.
So setzt du es praktisch um: Lass dein Kind sich am Morgen der Arbeit ein paar Minuten Zeit nehmen und aufschreiben, was es gerade beunruhigt, ganz ungefiltert, das Blatt sieht niemand. Übt außerdem vorab ein kleines Ritual für den Start der Arbeit: dreimal langsam durchatmen, mit der leichtesten Aufgabe beginnen und innerlich sagen „Ich habe das geübt“. So kommt das Arbeitsgedächtnis oft in Sekunden wieder in Gang.
6. Hol dir Unterstützung, wenn die Angst bleibt
Die ersten fünf Schritte lösen die allermeisten Fälle von Mathe-Angst mit der Zeit auf. Hält die Angst trotzdem über längere Zeit an, vermeidet dein Kind Mathe konsequent oder sind die körperlichen Symptome stark, dann ist das kein Grund zur Sorge, aber ein Grund, sich Hilfe dazuzuholen.
So setzt du es praktisch um: Sprich die Lehrkraft an, die einordnen kann, woran es im Unterricht hakt, und ziehe bei anhaltenden Problemen den schulpsychologischen Dienst oder eine Beratungsstelle hinzu. Sie können auch einschätzen, ob hinter der Angst eine Rechenschwäche (Dyskalkulie) steckt, die eine gezielte Förderung braucht. Früh zu handeln verhindert, dass sich die Angst über die Jahre verfestigt.
Kurz zusammengefasst
- Mathe-Angst ist eine erlernte Stressreaktion, keine fehlende Begabung. Unter Anspannung blockiert das Arbeitsgedächtnis, und das Können ist kurzzeitig nicht abrufbar.
- Prüfe zuerst deine eigene Haltung, denn sie überträgt sich beim Helfen, und trenne die Angst klar von der Fähigkeit, indem du sie benennst.
- Schließe die konkrete Lücke, auf der die Angst sitzt, und schaffe darauf aufbauend viele kleine, regelmäßige Erfolgserlebnisse.
- Gib der Angst kurz vor der Arbeit ein Ventil: Sorgen aufschreiben, tief durchatmen, mit der leichtesten Aufgabe starten.
- Bleibt die Angst trotz allem stark, hol dir Unterstützung bei Lehrkraft, schulpsychologischem Dienst oder Beratungsstelle.
So wird aus dem angstbesetzten Fach Schritt für Schritt wieder ein Fach wie jedes andere.
Quellen
- Ashcraft und Kirk (2001): The Relationships Among Working Memory, Math Anxiety, and Performance. doi.org
- Lyons und Beilock (2012): When Math Hurts. Math Anxiety Predicts Pain Network Activation in Anticipation of Doing Math. doi.org
- Foley u. a. (2017): The Math Anxiety-Performance Link. A Global Phenomenon. doi.org
- Maloney u. a. (2015): Intergenerational Effects of Parents’ Math Anxiety on Children’s Math Achievement and Anxiety. doi.org
- Ramirez, Shaw und Maloney (2018): Math Anxiety. Past Research, Promising Interventions, and a New Interpretation Framework. doi.org
- Ramirez und Beilock (2011): Writing About Testing Worries Boosts Exam Performance in the Classroom. doi.org
Häufige Fragen
Nein. Mathe-Angst ist eine erlernte Stressreaktion, keine Frage der Begabung. Unter Anspannung wird das Arbeitsgedächtnis blockiert, also genau der Teil des Denkens, den man zum Rechnen braucht (Ashcraft und Kirk, 2001). Dein Kind kann dann kurzzeitig nicht abrufen, was es eigentlich beherrscht. Lässt der Stress nach, kehrt die Leistung zurück. Und weil die Angst erlernt ist, lässt sie sich auch wieder verlernen.
Sehr verbreitet. In der internationalen PISA-Studie gab rund ein Drittel der Jugendlichen an, sich beim Lösen von Matheaufgaben angespannt oder hilflos zu fühlen (Foley u. a., 2017). Dein Kind ist damit alles andere als allein, und die Angst ist gut überwindbar.
Kurz vor der Arbeit hilft es, die Sorgen loszuwerden, statt sie mitzuschleppen. In einer Studie schrieben Schülerinnen und Schüler etwa zehn Minuten vor der Prüfung kurz auf, was sie beunruhigt, und schnitten danach messbar besser ab, besonders die ängstlicheren (Ramirez und Beilock, 2011). In der Arbeit selbst helfen ein paar langsame Atemzüge, mit der leichtesten Aufgabe zu starten und sich bewusst zu sagen: Ich habe das geübt. Langfristig verschwinden Blackouts vor allem dann, wenn echte Lücken geschlossen werden und regelmäßige Erfolgserlebnisse wieder Sicherheit geben.
Zumindest solltest du sie nicht weitergeben. Kinder von mathe-ängstlichen Eltern lernten über ein Schuljahr weniger dazu und wurden selbst ängstlicher, allerdings nur dann, wenn diese Eltern regelmäßig bei den Mathe-Hausaufgaben halfen (Maloney u. a., 2015). Nicht die Abneigung an sich ist das Problem, sondern dass sie sich beim Helfen überträgt. Sätze wie „Ich war auch nie gut in Mathe“ wirken kurz entlastend, vermitteln aber unbewusst, dass Mathe eben nichts für euch sei. Besser ist eine ruhige, ermutigende Haltung: Schwierigkeiten sind normal und lösbar.

Über den Autor
Thomas Krebs
Mitgründer von Mathopia
Thomas hat sieben Semester lang Mathe für Ökonomen unterrichtet und dabei Tausenden Studierenden durch ihre Klausuren geholfen. Immer wieder hat er erlebt, wie Studierende mit großen Lücken zu ihm kamen, überzeugt, die Klausur nicht bestehen zu können. Mit einer ehrlichen Diagnose und konkreten nächsten Schritten verschaffte er ihnen erste Erfolgserlebnisse, wodurch sie sich Mathe wieder zutrauten und ihre Prüfungen bestanden. Heute macht er mit Mathopia diese Erfahrung allen Schülerinnen und Schülern zugänglich.