Wie aus „Ich kann kein Mathe“ ein „Ich kann Mathe“ wird
18. Juni 2026 · 7 Min. Lesezeit
Wenn dein Kind sagt „Ich kann kein Mathe“, steckt dahinter fast nie fehlende Begabung, sondern ein Selbstbild, das aus wiederholtem Frust gewachsen ist.
Aus „Ich kann kein Mathe“ wird „Ich kann Mathe“, wenn drei Dinge zusammenkommen:
- dein Kind erlebt wieder echte Erfolge,
- du als Elternteil wählst die passende Sprache,
- dein Kind bekommt an der richtigen Stelle Rückmeldung.
Du brauchst dafür weder Druck noch stundenlanges Üben, sondern die richtigen kleinen Schritte. Welche das sind, zeigt dieser Artikel.
Warum „Ich kann kein Mathe“ zum Selbstbild wird
Den Satz „Ich kann kein Mathe“ hat fast jeder schon gehört oder selbst gesagt. Meist fällt er direkt nach dem Scheitern an einer Aufgabe: Man hat lange probiert, es klappt nicht, der Frust steigt. Einmalig ist das harmlos. Erlebt dein Kind diesen Mathe-Frust aber wieder und wieder, wird aus der kurzen Bemerkung mehr. Es wird ein Selbstbild.
Dahinter steckt ein einfaches Muster: Wer bei einer Sache dauerhaft scheitert, beginnt sie zu meiden. Genau das zeigt die Forschung zur Mathe-Angst: Wer sie stark erlebt, geht Mathe konsequent aus dem Weg, bis hin zur Wahl von Kursen und Berufen (Ashcraft und Krause, 2007). Bei Mathe gibt es für Schulkinder aber kein Ausweichen. Anderen ungeliebten Dingen im Alltag kann man entkommen, dem Matheunterricht nicht: mehrere Stunden pro Woche, über Jahre.
Erlebt dein Kind Stunde für Stunde Misserfolge, festigt sich der Satz „Ich kann kein Mathe“. Und ist er einmal gefestigt, löst Mathe schon im Voraus Frust aus. Vor Hausaufgaben oder Klassenarbeiten kommt es dann zu Hause zu Tränen und Streit.
Was du dagegen tun kannst
1. Erfolgserlebnisse schaffen
In dieser Phase geht es vor allem darum, den Frust-Kreislauf zu durchbrechen. Am besten gelingt das über Erfolgserlebnisse, indem dein Kind eine Aufgabe ganz allein löst. In dem Moment merkt es nämlich: „Das habe ich gemacht.“ Und nichts prägt das Zutrauen so stark wie eine selbst bewältigte Aufgabe, das Prinzip der Selbstwirksamkeit (Bandura, 1997). Schon ein einziger Erfolg kann die Einstellung zum Fach drehen, und aus ihm wächst der Mut für den nächsten.
So setzt du es praktisch um: Such für den Einstieg bewusst eine Aufgabe, die etwas leichter ist als das, woran dein Kind gerade scheitert. Lass es diese ganz allein lösen, auch wenn sie unter dem aktuellen Stoff liegt. Das Ziel ist nicht die schwere Aufgabe, sondern das Gefühl „Das schaffe ich“. Steigere die Schwierigkeit erst, wenn dieses Gefühl da ist, und beende jede Lernrunde mit einer Aufgabe, die dein Kind sicher kann. So geht es nie mit einem Misserfolg aus dem Lernen, sondern immer mit einem Erfolg.
2. Die richtige Sprache wählen
Vermeide den Satz „Ich war auch schlecht in Mathe“. Er ist gut gemeint, signalisiert deinem Kind aber, dass Mathe-Schwäche in der Familie liegt und nicht zu ändern ist. Damit festigt er genau das negative Selbstbild. Wie real dieser Effekt ist, zeigt eine große Studie aus Chicago: Kinder mathe-ängstlicher Eltern lernten über das Schuljahr weniger Mathe und wurden selbst ängstlicher, aber nur dann, wenn diese Eltern häufig bei den Hausaufgaben halfen (Maloney u. a., 2015). Nicht das Helfen schadete, sondern die Angst, die dabei mit übertragen wurde.
So setzt du es praktisch um: Sag stattdessen etwas, das die Tür offen lässt, zum Beispiel: „Früher habe ich das auch nicht verstanden, aber als ich mich drangesetzt habe, hat es irgendwann Klick gemacht.“ Damit lernt dein Kind: Schwierigkeiten sind normal, und sie lassen sich auflösen.
3. Sofortiges, konkretes Feedback statt Note
Dein Kind braucht Rückmeldung sofort, nicht erst nach der Klassenarbeit. Ein bloßes „Falsch“ reicht nicht. Dein Kind muss verstehen, wo der Fehler liegt und wie es ihn behebt. Wirksames Feedback beantwortet drei Fragen: Wo will ich hin, wo stehe ich gerade, und was ist der nächste Schritt? Eine Note allein beantwortet keine davon (Hattie und Timperley, 2007). Gerade bei jüngeren Kindern verhindert sofortiges Feedback außerdem, dass sich ein falscher Denkweg festsetzt.
So setzt du es praktisch um: Geh sofort und freundlich auf einen Fehler ein und zeig, wie es richtig geht. Wenn dein Kind es verstanden hat, übt ihr dasselbe Thema mit ein paar weiteren Aufgaben, damit sich das Erfolgserlebnis festigt und nicht nur ein einmaliges Aha bleibt.
Kurz zusammengefasst
- „Ich kann kein Mathe“ ist meist kein Begabungsproblem, sondern ein Selbstbild aus wiederholtem Frust. Weil Mathe in der Schule unausweichlich ist, verfestigt es sich leicht.
- Erfolgserlebnisse durchbrechen den Kreislauf: Starte mit einer Aufgabe unter dem Frust-Level, lass dein Kind sie allein lösen und beende jede Runde mit einem Erfolg.
- Die richtige Sprache zählt: Streich „Ich war auch schlecht in Mathe“ und zeig stattdessen, dass Verstehen eine Frage des Dranbleibens ist.
- Sofortiges, konkretes Feedback schlägt jede Note: Dein Kind muss wissen, wo der Fehler liegt und wie es weitergeht, und das im Moment des Rechnens.
Quellen
- Ashcraft und Krause (2007): Working memory, math performance, and math anxiety. link.springer.com
- Bandura (1997): Self-Efficacy. The Exercise of Control. books.google.com
- Hattie und Timperley (2007): The Power of Feedback. doi.org
- Maloney u. a. (2015): Intergenerational Effects of Parents’ Math Anxiety on Children’s Math Achievement and Anxiety. news.uchicago.edu
Häufige Fragen
Nein. Der Satz beschreibt fast immer ein Selbstbild, das aus wiederholtem Frust gewachsen ist, und kein fehlendes Talent. Unter Anspannung belegen Angst und Frust genau die Konzentration (das Arbeitsgedächtnis), die zum Rechnen nötig ist. Dadurch schneidet ein Kind unter seinem eigentlichen Können ab, und der Eindruck „Ich kann das nicht“ scheint sich selbst zu bestätigen. Die gute Nachricht: Weil es ein erlerntes Selbstbild ist, lässt es sich auch wieder umkehren, vor allem durch echte Erfolgserlebnisse.
Nicht die Menge entscheidet, sondern die Art. Üben ohne Rückmeldung festigt sogar falsche Lösungswege und verstärkt am Ende den Glauben „Ich kann kein Mathe“. Wirksam wird Üben erst, wenn dein Kind sofort und konkret erfährt, wo der Fehler liegt und wie es ihn behebt, und wenn es mit machbaren Aufgaben echte Erfolge sammelt. Besser sind kurze Einheiten im passenden Schwierigkeitsgrad, die mit einer sicher lösbaren Aufgabe enden, als lange Lernmarathons ohne Erfolgserlebnis.
Vermeide Sätze, die Schwäche als festgelegt darstellen, allen voran „Ich war auch schlecht in Mathe“. So gut gemeint er ist, signalisiert er: Mathe liegt unserer Familie nicht, daran ist nichts zu ändern. Sag stattdessen etwas, das die Tür offen lässt, zum Beispiel: „Das habe ich früher auch nicht verstanden. Als ich drangeblieben bin, hat es irgendwann Klick gemacht.“ So lernt dein Kind: Schwierigkeiten sind normal und lösbar. Achte dabei auch auf deine eigene Ruhe, denn Studien zeigen, dass sich die eigene Angst vor Mathe beim Helfen auf Kinder überträgt.

Über den Autor
Thomas Krebs
Mitgründer von Mathopia
Thomas hat sieben Semester lang Mathe für Ökonomen unterrichtet und dabei Tausenden Studierenden durch ihre Klausuren geholfen. Immer wieder hat er erlebt, wie Studierende mit großen Lücken zu ihm kamen, überzeugt, die Klausur nicht bestehen zu können. Mit einer ehrlichen Diagnose und konkreten nächsten Schritten verschaffte er ihnen erste Erfolgserlebnisse, wodurch sie sich Mathe wieder zutrauten und ihre Prüfungen bestanden. Heute macht er mit Mathopia diese Erfahrung allen Schülerinnen und Schülern zugänglich.