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„Wozu brauche ich Mathe?“ – warum „Das brauchst du später“ nicht zieht

27. Juli 2026 · 7 Min. Lesezeit

Dein Kind sitzt vor den Hausaufgaben. In der Aufgabe fährt ein Zug von Wolfsburg nach Leipzig, und irgendwo unterwegs soll ein zweiter ihn einholen. Dein Kind schaut auf das Blatt, dann zu dir, und stellt die Frage, die früher oder später in jedem Kinderzimmer fällt: „Wozu brauche ich das überhaupt?“

Die naheliegende Antwort liegt sofort auf der Zunge: „Das brauchst du später mal.“ Sie ist ehrlich gemeint. Gerade bei Kindern, die sich mit Mathe schwertun, kann sie aber sogar mehr schaden als helfen.

Warum das so ist und wie sich die Frage „Wofür“ beantworten lässt, zeige ich dir in diesem Artikel.

Warum „Das brauchst du später“ nicht zieht

Übersetzt kommt der Satz bei deinem Kind ungefähr so an: Für irgendwas wirst du das schon brauchen, aber gerade brauche ich es ganz sicher nicht. Und da hat dein Kind einen Punkt, denn du sprichst über ein Leben in zehn Jahren, und es sitzt vor der Aufgabe, die jetzt vor ihm liegt.

Der Satz verfehlt aber nicht nur den Moment, er bestätigt dein Kind sogar in seinem Verdacht. „Irgendwann später“ ist so vage, dass zwischen den Zeilen etwas anderes ankommt: Selbst du kannst gerade keinen konkreten Grund nennen. Und wenn nicht einmal die Erwachsenen einen haben, dann fühlt sich der Gedanke „Das ist doch sinnlos“ für dein Kind plötzlich sehr richtig an.

Das trifft ausgerechnet die Kinder am härtesten, die sich Mathe ohnehin wenig zutrauen. Bei ihnen kann der Hinweis auf die Nützlichkeit sogar nach hinten losgehen: Wird von außen erklärt, wozu ein Stoff gut ist, sinken bei den Unsicheren eher Leistung und Interesse (Canning und Harackiewicz, 2015). Einem Kind, dem Mathe leichtfällt, macht der Satz nichts aus. Einem Kind, das hadert, nimmt er noch ein Stück Zutrauen.

Was dein Kind stattdessen braucht, zeigt sich, wenn man genau hinhört, was es überhaupt gefragt hat. Nicht, wozu man Mathematik braucht, sondern warum es ausgerechnet diese Aufgabe rechnen soll, die mit seiner Welt gerade wenig zu tun hat. Und genau da liegt der Ausweg: Die beste Antwort ist keine bessere Begründung, sondern eine bessere Aufgabe.

Was du stattdessen tun kannst

1. Finde heraus, was dein Kind wirklich beschäftigt

Das klingt nach einer Herausforderung, ist aber eigentlich nicht schwer, denn du weißt es längst. Es ist das Thema, über das dein Kind redet, ohne dass jemand danach gefragt hat. Der Verein, die Serie, das Spiel, das Pferd, die Sneaker, der YouTube-Kanal.

So setzt du es praktisch um: Frag dein Kind nicht „Was interessiert dich eigentlich?“, darauf bekommst du meistens ein „weiß nicht“. Warte lieber, bis das Thema von allein aufkommt. Beim Abendessen oder im Auto erzählt dein Kind oft von selbst, was es interessiert: wie das Spiel ausgegangen ist, was gerade in der Serie passiert, wie das Turnier lief. Ein Interesse reicht völlig, du brauchst keine Liste.

2. Bau eine einzige Aufgabe in die Welt deines Kindes um

Jetzt kommt der eigentliche Schritt: Nimm das Thema, das gerade im Unterricht dran ist, und stell dieselbe Frage in der Welt deines Kindes. Rechnet ihr Prozente, dann eben nicht am Zugbeispiel, sondern am Sale-Preis für das Spiel, das es sich seit Wochen wünscht, oder an der Torquote seines Lieblingsstürmers. Die Mathematik dahinter bleibt exakt dieselbe. Nur die Frage ist auf einmal eine, deren Antwort dein Kind wirklich wissen will.

Genau darin liegt der Trick: Mathe steht dann nicht mehr im Vordergrund, sondern ist nur noch der Weg zu einer Antwort, die dein Kind ohnehin interessiert. Und das ist keine nette Theorie. Als Schülerinnen und Schüler im Algebra-Unterricht Aufgaben bekamen, die zu ihren eigenen Interessen passten, lösten sie diese häufiger auf Anhieb richtig, beherrschten den Stoff schneller und waren sogar in einer späteren Einheit noch besser, die gar nicht mehr an ihre Interessen angepasst war (Walkington, 2013). Der Effekt bleibt also, auch wenn die Aufgaben wieder ganz normal aussehen.

Wie stark das wirkt, hat mir ein Vater auf der didacta, Europas größter Bildungsmesse, erzählt. Seine Kinder taten sich mit Mathe schwer, bis ihm auffiel, wie gern sie Fußball spielten. Kurzerhand baute er ihre Übungsaufgaben so um, dass es darin nur noch um Fußball ging. Und plötzlich hatten seine Kinder viel mehr Lust auf Mathe, blieben deutlich länger an den Aufgaben und wurden dabei spürbar besser. Nicht weil sich über Nacht ihr Talent geändert hätte, sondern weil die Aufgaben endlich eine Frage stellten, deren Antwort sie wirklich wissen wollten.

Damit das funktioniert, gibt es aber eine Bedingung: Der Bezug muss echt sein. Es reicht nicht, das Wort „Zug“ durch das Wort „Fußball“ zu ersetzen. „Ein Fußball fährt von A nach B“ ist immer noch dieselbe Zugaufgabe, nur mit einem neuen Wort darüber. Wichtig ist, dass dein Kind die Antwort wirklich wissen will. Sonst bleibt es Verpackung, und die durchschaut dein Kind schnell.

So setzt du es praktisch um: Fang mit einer einzigen Aufgabe an, nicht mit dem ganzen Heft. Nimm die Aufgabe, an der es gerade hakt, behalte das mathematische Prinzip und formuliere sie so um, dass sie dein Kind interessiert und trotzdem realistisch bleibt. Falls dir keine Idee kommt oder du Schwierigkeiten dabei hast, kannst du mir gerne schreiben, und ich überlege mir gemeinsam mit dir eine passende Aufgabe.

3. Lass dein Kind wählen

Wenn es sich bei dir einrichten lässt, mach zwei Varianten daraus und lass dein Kind entscheiden, welche es rechnet. Das klingt nach einer Kleinigkeit, hat aber einen nachweislich großen Einfluss. Eine Auswertung von über vierzig Einzelstudien zeigt, dass allein die Möglichkeit zu wählen die Motivation, die Anstrengung und sogar die Leistung steigert, und bei Kindern stärker als bei Erwachsenen (Patall u. a., 2008). Dein Kind sitzt dann nicht mehr vor etwas, das ihm vorgesetzt wurde, sondern vor etwas, für das es sich entschieden hat.

So setzt du es praktisch um: Zwei Versionen derselben Aufgabe reichen, und die Frage lautet einfach: „Welche willst du?“ Mehr Auswahl ist nicht besser, sie überfordert nur. Es geht nicht darum, dass die Wahl schwer ist, sondern darum, dass dein Kind sie trifft.

Damit schließt sich der Kreis zur Frage vom Anfang. „Wozu brauche ich das?“ verschwindet nicht, weil du die perfekte Begründung gefunden hast, sondern weil dein Kind vor einer Aufgabe sitzt, deren Ergebnis es ohnehin wissen will. Und dann wird aus einem „Das brauche ich nie“ fast von selbst ein „Warte, lass mich das kurz ausrechnen“.

Kurz zusammengefasst

  • „Das brauchst du später mal“ ist gut gemeint, kann aber gerade bei Kindern, die sich mit Mathe schwertun, eher Leistung und Interesse senken.
  • Dein Kind fragt selten, wozu Mathematik gut ist. Es fragt, wozu es ausgerechnet diese Aufgabe rechnen soll. Die Antwort darauf ist eine bessere Aufgabe, keine bessere Begründung.
  • Stell dieselbe Frage in der Welt deines Kindes: dieselbe Mathematik, nur eine Antwort, die es wirklich wissen will. Der Effekt hält an, auch wenn die Aufgaben später wieder normal aussehen.
  • Umetikettieren zählt nicht. Der Prüfstein ist immer: Will dein Kind das Ergebnis wissen?
  • Erstelle, wenn möglich, lieber zwei Varianten, aus denen dein Kind eine wählt. Selbst zu entscheiden fördert nachweislich die Motivation.

Quellen

  • Canning und Harackiewicz (2015): Teach It, Don’t Preach It. The Differential Effects of Directly Communicated and Self-Generated Utility-Value Information. doi.org
  • Walkington (2013): Using adaptive learning technologies to personalize instruction to student interests. doi.org
  • Patall u. a. (2008): The Effects of Choice on Intrinsic Motivation and Related Outcomes. A Meta-Analysis of Research Findings. doi.org

Häufige Fragen

Meistens meint dein Kind damit nicht die Mathematik als Ganzes, sondern genau die Aufgabe, die gerade vor ihm liegt und mit seiner Welt wenig zu tun hat. Oft schwingt dabei auch etwas Frust mit oder wenig Zutrauen ins Fach. Deshalb hilft „Das brauchst du später“ so wenig: Der Satz beantwortet nicht die Frage, die dein Kind gestellt hat, sondern bestätigt eher noch den Verdacht, dass es keinen wirklichen Anwendungsfall gibt.

Am besten nicht mit einer Gegenrede. Studien deuten darauf hin, dass es Leistung und Interesse sogar senken kann, wenn man Kindern die Nützlichkeit von außen erklärt, und zwar ausgerechnet bei denen, die sich das Fach wenig zutrauen (Canning und Harackiewicz, 2015). Die wirksamere Antwort ist deshalb keine bessere Begründung, sondern eine bessere Aufgabe: Nimm das Thema, das gerade dran ist, und stell dieselbe Frage in der Welt deines Kindes, an etwas, dessen Ergebnis es ohnehin wissen will.

Nimm eine Aufgabe, an der es gerade hakt, behalte das mathematische Prinzip und verlege den Rest in die Welt deines Kindes, etwa in Sport, ein Spiel oder eine Serie. Wichtig ist, dass die neue Aufgabe realistisch bleibt und dein Kind ihr Ergebnis wirklich wissen will. Nur ein Wort auszutauschen genügt nicht: „Ein Fußball fährt von A nach B“ ist immer noch dieselbe Zugaufgabe.

Thomas Krebs

Über den Autor

Thomas Krebs

Mitgründer von Mathopia

Thomas hat sieben Semester lang Mathe für Ökonomen unterrichtet und dabei Tausenden Studierenden durch ihre Klausuren geholfen. Immer wieder hat er erlebt, wie Studierende mit großen Lücken zu ihm kamen, überzeugt, die Klausur nicht bestehen zu können. Mit einer ehrlichen Diagnose und konkreten nächsten Schritten verschaffte er ihnen erste Erfolgserlebnisse, wodurch sie sich Mathe wieder zutrauten und ihre Prüfungen bestanden. Heute macht er mit Mathopia diese Erfahrung allen Schülerinnen und Schülern zugänglich.

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