Mein Kind kann sich beim Mathelernen nicht konzentrieren – was tun?
28. September 2026 · 8 Min. Lesezeit
Es ist Nachmittag, das Matheheft liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Dein Kind setzt sich hin, liest die erste Aufgabe und kommt kurz ins Stocken. Und genau in diesem Moment meldet sich der Gedanke: „Bevor ich anfange, schau ich nur ganz kurz noch etwas nach.“ Schon liegt das Handy in der Hand, und aus dem „ganz kurz“ werden zwanzig Minuten. Dann gehst du ins Zimmer, und noch bevor du etwas sagst, kommt: „Menno, immer kommst du rein, wenn ich gerade Pause mache!“ Das Handy verschwindet, dein Kind rechnet weiter, der nächste zähe Moment kommt, und die Hand wandert schon wieder los. Kommt dir das bekannt vor?
Dieser Kreislauf ist weder Faulheit noch böser Wille. Hinter jedem einzelnen Schritt steckt ein ganz konkreter Mechanismus, und wenn du die kennst, kannst du die Schleife an genau den richtigen Stellen durchbrechen. Nehmen wir die Szene deshalb einmal auseinander.
Was in dieser Szene wirklich passiert
Der Auslöser: der Moment, in dem es schwer wird. Das Abschweifen beginnt nicht zufällig, sondern fast immer genau dann, wenn die Aufgabe schwierig oder zäh scheint. Das ist der unangenehme Moment, dem der Kopf ausweichen will. In Mathe heißt „schwierig“ oft „zu viel auf einmal“, und wenn es zuletzt schon nicht so lief, kommt etwas Anspannung dazu. Beides frisst genau die Kapazität, die dein Kind zum Rechnen braucht, das Arbeitsgedächtnis, sodass sich die Aufgabe noch aussichtsloser anfühlt (Ashcraft, 2002). Kein Wunder, dass der Kopf da lieber flüchtet. Der erste Dominostein ist also meist die wahrgenommene Schwierigkeit.
Die Verlockung: das Handy ist immer griffbereit. Genau in diesem unangenehmen Moment liegt eine Armlänge entfernt das Gegenteil: etwas Leichtes, Buntes, das sofort belohnt. Die Hand greift fast von selbst danach. Das Handy muss dafür nicht einmal vibrieren, dass es einfach da ist, ist schon die ständige Einladung.
Der teure Wechsel: rausfliegen kostet doppelt. „Nur ganz kurz“ fühlt sich harmlos an, aber unser Gehirn kann nicht wirklich zwei Dinge gleichzeitig tun. Es springt hin und her, und jeder Wechsel kostet Zeit und erhöht die Fehlerzahl (Rubinstein u. a., 2001). Dafür braucht es nicht einmal die zehn Minuten am Handy. In einer Studie mit 300 Personen, die eine Abfolge von Schritten in der richtigen Reihenfolge halten mussten, genügte eine Unterbrechung von nur rund drei Sekunden, um die Fehlerquote direkt danach von etwa zwei auf gut vier Prozent zu verdoppeln. Bei vier bis fünf Sekunden waren es sogar dreimal so viele Fehler, von knapp zwei auf fast sechs Prozent (Altmann u. a., 2014). Und das bei einer eher einfachen Aufgabe: Man musste sich nur merken, an welcher Stelle einer festen Abfolge man gerade war. Mathe verlangt viel mehr. Dein Kind muss Zahlen, Zwischenschritte und das Ziel gleichzeitig im Kopf behalten. Ein kurzer Blick aufs Handy wiegt dort deshalb noch schwerer. Teuer ist also nicht die verlorene Zeit, sondern der gerissene Rechenweg.
Der Wiedereinstieg: „wo war ich?“. Nach der Unterbrechung muss dein Kind erst wieder zusammensuchen, wo es in der Aufgabe stand. Das ist anstrengend und frustrierend, und macht den nächsten Fluchtimpuls noch verlockender als den ersten. So schließt sich der Kreislauf und beginnt von vorn, und mit jeder Runde wird der Wiedereinstieg ein Stück schwerer.
Wie du den Kreislauf durchbrichst
Die gute Nachricht: Jeder Teil dieses Kreislaufs lässt sich beheben. Die folgenden vier Ansätze helfen dabei besonders.
Damit dein Kind gar nicht erst ins Stocken gerät: senk die Hürde. Um genau den überfordernden Moment vom Anfang der Szene zu vermeiden, ist es am wirksamsten, die Aufgabe von vornherein schaffbar zu machen. Beim freien Üben geht das direkt über das Niveau: Wähl Aufgaben, von denen dein Kind etwa zwei von drei schafft. Dieses Verhältnis trifft den Punkt zwischen zu leicht und zu schwer: fordernd genug, um nicht zu langweilen, aber mit so vielen Erfolgen, dass der überfordernde Moment und mit ihm der Fluchtimpuls gar nicht erst entsteht. Bei Hausaufgaben ist die Schwierigkeit vorgegeben, die kannst du nicht anpassen. Aber auch dann gibt es Wege, die Hürde zu senken. Am wirksamsten ist es, mit der einfachsten Aufgabe zu beginnen und sie vor dem Rechnen gemeinsam in kleine Schritte zu zerlegen, damit dein Kind nicht ratlos vor dem großen Ganzen sitzt. Ist selbst diese Aufgabe noch zu schwer, hilft es, erst mit ein paar leichteren Aufgaben zum selben Thema warmzuwerden, etwa mit einem Lernprogramm wie Mathopia, das dafür zuerst ein paar Fragen zum Niveau deines Kindes stellt.
Damit die Hand nicht zum Handy wandert: nimm die Verlockung aus dem Raum. Der Griff zum Handy passiert genau in diesem unangenehmen Moment, fast von allein. Am einfachsten verhinderst du ihn, wenn das Handy gar nicht erst in Reichweite liegt, nicht nur mit dem Display nach unten, sondern für die Lernzeit ganz aus dem Zimmer.
Damit der Faden nicht ständig reißt: halte Unterbrechungen klein. Erinnerst du dich an das „immer kommst du rein“ aus der Szene? Nicht nur das Handy kann eine Unterbrechung sein, sondern auch alles andere: Schon dein kurzes Reinschauen, ein „Hey, kommst du essen?“ oder ein Geschwisterkind reichen, um den Faden zu verlieren. Und danach folgt genau das, was wir vorhin beschrieben haben, das „wo war ich?“ und die höhere Fehlerzahl gleich im Anschluss. Versuch deshalb, ruhige Lernzeiten zu etablieren, in denen dein Kind ungestört lernen kann.
Mach kurze Lernblöcke statt einen Lern-Marathon. Die Aufmerksamkeit lässt mit der Zeit ganz natürlich nach (Ariga und Lleras, 2011). Ein langer Block bringt deshalb wenig, denn sobald die Konzentration weg ist, beginnt dein Kind abzuschweifen und nach Alternativen zu suchen, also nach der nächsten Ablenkung. Wie lange ein Block ideal ist, lässt sich aber nicht in eine feste Zahl pressen, das hängt stark vom Alter und vom Kind ab. Eine feste Grenze, ab der bei jedem die Konzentration abfällt, gibt es nämlich nicht (Wilson und Korn, 2007). Wichtiger als die Stoppuhr ist das Prinzip: Legt die Pause ein, bevor die Konzentration kippt, nicht erst, wenn nichts mehr geht. Ein guter Startwert, grob nach Klassenstufe, sind etwa 20 Minuten in Klasse 5 bis 7 und 30 bis 45 Minuten ab Klasse 8, die ihr an den Signalen eures Kindes anpasst. Und weil Mathe anstrengend ist, sollte die Pause eine echte sein, ein paar Minuten aufstehen und bewegen (Albulescu u. a., 2022), nur eben nicht das Handy.
Konzentration lässt sich nicht per Ansage erzwingen. Aber du kannst die Bedingungen so verändern, dass dein Kind gar nicht erst in den Kreislauf rutscht. Und dann gelingt vielen plötzlich, was vorher unmöglich schien: einfach dranzubleiben.
Kurz zusammengefasst
- Der Ablenkungs-Kreislauf ist kein Faulheitszeichen, sondern eine Kette aus nachvollziehbaren Mechanismen.
- Er startet meist am schwierigen Moment. Senkst du dort die Hürde, entsteht der Fluchtimpuls oft gar nicht erst.
- Motor der Schleife sind das griffbereite Handy und der teure Wechsel: Schon Sekunden Unterbrechung reißen den Gedankenfaden.
- Handy aus dem Raum, möglichst wenige Unterbrechungen, und kurze Blöcke mit echten Pausen halten den Fokus.
Quellen
- Ashcraft (2002): Math Anxiety. Personal, Educational, and Cognitive Consequences. doi.org
- Rubinstein, Meyer und Evans (2001): Executive Control of Cognitive Processes in Task Switching. doi.org
- Altmann, Trafton und Hambrick (2014): Momentary Interruptions Can Derail the Train of Thought. doi.org
- Ariga und Lleras (2011): Brief and Rare Mental „Breaks“ Keep You Focused. doi.org
- Wilson und Korn (2007): Attention During Lectures. Beyond Ten Minutes. doi.org
- Albulescu u. a. (2022): „Give Me a Break!“ A Systematic Review and Meta-Analysis on the Efficacy of Micro-Breaks. doi.org
Häufige Fragen
Meist ist das ein Fluchtreflex. Genau wenn Mathe schwer oder zäh wird, sucht der Kopf etwas Leichtes und sofort Belohnendes, und das Handy liegt griffbereit. Jeder Griff dahin ist teuer, denn schon eine kurze Unterbrechung von wenigen Sekunden lässt den Gedankenfaden reißen und erhöht die Fehlerzahl danach deutlich (Altmann u. a., 2014). Am besten setzt du früher an: die Hürde am Anfang senken, indem du die Aufgabe in kleine Schritte zerlegst oder beim Üben ein machbares Niveau wählst, damit der Fluchtimpuls gar nicht erst entsteht, und das Handy für die Lernzeit aus dem Raum nehmen.
Dafür gibt es keine feste Zahl, das hängt stark vom Alter und vom Kind ab. Eine für alle gültige Grenze, ab der die Konzentration abfällt, gibt es nämlich nicht (Wilson und Korn, 2007). Wichtiger als eine Minutenzahl ist, die Pause einzulegen, bevor die Konzentration kippt. Ein guter Startwert, grob nach Klassenstufe, sind etwa 20 Minuten in Klasse 5 bis 7 und 30 bis 45 Minuten ab Klasse 8, mit ein paar Minuten echter Pause dazwischen. Dass solche kurzen Pausen helfen, ist gut belegt (Ariga und Lleras, 2011; Albulescu u. a., 2022). Nur sollte die Pause nicht das Handy sein, sonst beginnt der Ablenkungs-Kreislauf von vorn.

Über den Autor
Thomas Krebs
Mitgründer von Mathopia
Thomas hat sieben Semester lang Mathe für Ökonomen unterrichtet und dabei Tausenden Studierenden durch ihre Klausuren geholfen. Immer wieder hat er erlebt, wie Studierende mit großen Lücken zu ihm kamen, überzeugt, die Klausur nicht bestehen zu können. Mit einer ehrlichen Diagnose und konkreten nächsten Schritten verschaffte er ihnen erste Erfolgserlebnisse, wodurch sie sich Mathe wieder zutrauten und ihre Prüfungen bestanden. Heute macht er mit Mathopia diese Erfahrung allen Schülerinnen und Schülern zugänglich.